Caught by the river

Marissa’s „Tod"
Hektisches Treiben war in einem Krankenhaus der ganz normale Alltag: Schwestern liefen zu ihren Patienten, Ärzte rauschten vorbei, um eine wichtige Operation durchzuführen oder auch nur um einem Kind eine Impfung zu verpassen. Ryan stand völlig entnervt an der Rezeption und versuchte sich mit viel Mühe im Zaum zu halten: „Ich möchte doch nur wissen, ob sie lebt, ist dass zu viel verlangt?!“
„Nein sicher nicht“, entgegnete die angesprochene Dame. „Aber wie schon gesagt: Sie sind kein Familienmitglied. Egal welche Informationen sie auch wollen, sie müssen sich wohl gedulden.“
Der Junge, von den Geschehnissen der vorangegangen Stunden deutlich gezeichnet, konnte und wollte einfach nicht mehr länger hier ausharren, doch als er schon im Begriff war die Sache auf seine bekannte Atwood-Art zu regeln, trat eine besorgte Julie Cooper-Nichol hinter ihn: „Können sie mir bitte sagen, welcher Arzt für Marissa Cooper zuständig ist?“
Noch bevor die junge Schwester eine zufriedenstellende Antwort geben konnte, war eine tiefe Männerstimme zu vernehmen: „Mrs. Cooper-Nichol? Könnte ich mal kurz unter vier Augen mit ihnen reden?“

Ein älterer Mann, der sich über seine grüne Operationskleidung einen weißen Kittel geworfen hatte, legte Julie einen Arm um die Schultern und führte sie mit leichtem Druck weg, einen verzweifelten Ryan zurücklassend.

Der Warteraum war vollbesetzt. Einer völlig aufgelösten Summer strömten Tränen über das hübsche Gesicht, Seth saß verunsichert neben ihr, man konnte ihm deutlich ansehen, wie unwohl er sich in seiner Haut fühlte und wie schrecklich gern er seine Freundin in die Arme genommen hätte, um sie zu trösten, doch Marissa’s beste Freundin hatte weder ein Wort gesprochen noch auch nur die kleinste Bewegung angedeutet und so meinte er mir Worten oder Gesten alles nur noch schlimmer zu machen. Kirsten tätschelte ihrem Sohn das Knie, nur eine Mutter wusste immer bescheid, zumindest fast immer. Sandy hatte sich von seinem Platz erhoben und stand nun neben Ryan, der einfach nicht zur Ruhe kam; Kaitlin hatte stumm, fast schon ein wenig apathisch ihren Kopf an die schutzbietende Schulter ihres Vaters gelehnt, obwohl Jimmy wahrscheinlich ebenso etwas dringend nötig hätte. Dr. Roberts saß auf einem Stuhl gegenüber seiner Tochter und starrte auf den gefliesten Boden. Alle hatten denselben Gedanken, keiner getraute es sich, ihn laut auszusprechen. Endlich durchbrach, wer hätte auch was anderes gedacht, Seth Cohen die brütende Stille: „Kaffee, oder...?“
Wie immer, wenn ihn etwas bedrückte, wollte er die Momente mit so vielen Worten wie möglich füllen, doch sieben entgeisterte Blicke ließen ihn beinahe wieder verstummen, aber nur beinahe: „Nein? Wäre wohl auch nichts für mich, ich vertrage Koffein nicht so besonders.“
„Cohen!“, fuhr Summer plötzlich zur allgemeinen Überraschung auf. „Lass es, Ok?“
„Klar“, meinte Seth, der wohl noch ein wenig erstaunter war als alle anderen. „Das – das kann ich, kein Problem.“
Ein Haufen Ungläubiger starrte ihn an.

Julie stand unschlüssig vor der schneeweißen Tür, die zu einem der Krankenzimmer führte. Es pochte schmerzhaft gegen ihre Schläfen, ihre Hände zitterten und so sehr ihr in diesem Moment auch nach weinen zumute war, suchte sich keine einzige Träne ihren Weg über das perfekte Make-up. Endlich gab sie sich innerlich einen Ruck und drückte die silberne Klinke hinunter, mit einem mehr oder weniger entschlossenen Schritt betrat sie den kleinen Raum. In dem einzigen Bett lag ihre Tochter, so ruhig, ganz so als würde sie schlafen. Und dann, als hätte sie auf diesen Augenblick, diese Bestätigung nur gewartet, wurde Julie plötzlich von verzweifelten Schluchzern geschüttelt, eine Sintflut ergoss sich über ihr Gesicht, das geschundene Herz schmerzte dermaßen, sie hätte in dem Moment damit gerechnet ebenfalls einfach tot umzufallen. So plötzlich dieser Ausbruch begonnen hatte, so schnell fand er auch schon wieder sein abruptes Ende. Einmal noch tief Luft geholt, das teure Designerkostüm gerade gerichtet und ohne einen weiteren Blick auf Marissa, trat sie wieder hinaus auf den befliesten Gang des Krankenhauses. Wie in Trance machte sie sich auf in den Warteraum, als unheilvolle Botin.

Der Arzt, der eigentliche Bote dieser schrecklichen Nachricht, wurde von starken Armen zurückgehalten. Volchok stand plötzlich hinter dem Mediziner und hielt ihm ein kühles Messer mit der behandschuhten Hand an den Hals, er schob sich zusammen mit seinem Gefangen in dass beinahe leere Krankenzimmer und schloss sogleich die Tür hinter sich. „Und sie lebt wirklich?“, zischte er Dr. Madison ins Ohr.
Der arme Mann zitterte am ganzen Körper als er die an ihn gestellte Frage bejahte.
„Gut so“, grinste Volchok. „Sie haben auch den ganzen Papierkram erledigt, wie ich es ihnen gesagt habe?“
Dieses mal war nur ein ängstliches Nicken die Antwort.
„Kein anderer weiß davon? Nur sie und ich...“, es amüsierte ihn offenbar nicht wenig den Doktor noch ein bisschen zappeln zu lassen.
„Ja“, keuchte Madison, sein Atem ging ungemein schnell, das Herz klopfte ihm bis zum Hals. „Ja doch.“
„Danke“, entgegnete Volchok höflich und vollführte anschließend eine schnelle Bewegung mit der einen Hand, die das Messer umklammert hielt, der Mediziner ging fast sofort zu Boden, der Schrei gefror ihm auf den Lippen. Nun gab es kein zurück mehr, er hatte seinen Weg gewählt und zuckte gleichgültig mit den Schultern - was für eine Dramatik. Er trat an einen der schmalen Schränke, die an einer Seite des Raumes aufgereiht standen und entnahm diesem einen alten, zerfetzten Rucksack und holte daraus ein schwarzes Bündel hervor.

Die plötzliche Stille im Warteraum war unerträglich, keiner wollte zuerst der Unruhestifter sein, keiner außer Seth Cohen: „Sie ist ... tot ...?“
Natürlich hätte er sich gleich darauf liebend gern selbst in den Hintern getreten, die Gabe des Sprechens war ein Geschenk und auch gleichzeitig ein Fluch was ihn betraf. Zu seinem Glück schienen die anderen seinen kleinen Ausbruch entweder nicht zu bemerken oder einfach gewohnheitsgemäß zu überhören. Endlich erhob Neil sich von seinem Platz, ging wortlos auf Julie zu, die sich seit der Überbringung der schockierenden Nachricht nicht mehr gerührt hatte, und nahm seine Verlobte in die Arme. Schluchzend ließ Mrs. Cooper-Nicol es geschehen, eine Welt brach in diesem Moment für sie zusammen, der Schmerz des Verlustes, des Unumkehrbaren machte sich in ihrem Herzen breit. Ryan stand daneben, seine Augen blieben trocken, seine Gesichtszüge unverändert, doch in ihm tobte ein Tornado und schien jeden Funken Glück auszulöschen, in seinen Gedanken hallten die letzten Worte der Verstorbenen wieder: „Ich liebe dich...“
„Ich liebe dich auch“, flüsterte der junge Atwood leise und nur für sich selbst.

Volchok ließ einen, in den schwarzen Leichensack gehüllten Arzt auf Marissa’s Krankenbett zurück als er durch das Fenster ins Freie gelangte. Die Kapuze seines Sweatshirts half ihm dabei sein Gesicht möglichst gut zu bedecken, mit gesenktem Kopf eilte er zu seinem schäbigen Auto und ließ sich hinter das Lenkrad fallen, prüfend warf er einen raschen Blick auf die Rückbank. Das Mädchen lag noch immer dort, wo er es zurückgelassen hatte, eingehüllt in dunkle Decken.

Einige Wochen danach: Das Leben geht weiter. Ryan hat, nach einem Boxerlebnis im Käfig, die Liebe wieder für sich entdeckt und führt zurzeit, nach Anfangsschwierigkeiten, eine krisenfreie Beziehung mit Taylor. Sandy ist zufrieden mit seinem neuen alten Job als Pflichtverteidiger. Summer hat in der Brown Che kennen gelernt und kämpft zusammen mit ihm gegen diverse Ungerechtigkeiten. Seth arbeitet in einem Comicladen. Die Beziehung zwischen Seth und Summer scheint den Bach hinunter zu gehen, sie haben noch kein Wort miteinander gewechselt. Marissa lebt bei Volchok, ohne Hoffnung. Kaitlin ist nun in Newport und geht auf die Harbor High, wo sie sich mit Lukes Zwillingsbrüdern Eric und Brad anfreundet. Dr. Roberts fühlt sich ein wenig überfordert was seine Verlobte betrifft, denn Julie trinkt zuviel und Jimmy wagt sich nach der schrecklichen Nachricht von dem Tod seiner Tochter mit seinem Segelboot auf hohe See . . .

„Hey, Summer -“, Seth war guter Hoffnung, dass es dieses eine Mal endlich hinhauen würde. Heute würde es . . .

Hi, ich bin im Moment nicht erreichbar, oder ich will einfach nicht mit dir reden, weil du was verbockt hast oder so.
Seufzend würgte Cohen ein weiteres Mal den Anrufbeantworter seiner Freundin (zumindest nahm er an, dass sie seine Freundin war) ab. Ob er etwas verbockt hatte? So sehr es manche auch wundern würde: nein. Und das war eins von den wenigen Dingen, die er ganz genau wusste. Ob sie nicht mehr mit ihm reden wollte? Offensichtlich.
Wütend, vielleicht auf sich selbst, wahrscheinlich aber einfach auf die gesamte Situation, warf er sein Handy auf das Bett und ließ sich anschließend ebenfalls in die Kissen sinken. Frustriert schielte der Junge auf den kleinen Schrank neben sich. Auch sein Plastikpferd und, neben Ryan, bester Freund, schien im Moment keine große Lust auf tiefschürfende Gespräche zu haben.
„Tja Oats“, meinte Seth. „Nun sind wir weder auf uns allein gestellt. Du und ich. Wie in alten Zeiten.“
Alte Zeiten, die er nie wieder aufleben lassen wollte.

Summer schloss die dunkle Holztür hinter sich und stellte mit einem schnellen Blick auf das Bett ihrer Mitbewohnerin fest, dass sie allein im Zimmer war. Nervös nahm sie ihre buntgehäkelte Haube von den dunklen Haaren und drückte auf den Knopf am Anrufbeantworter, als sie das rote, blinkende Licht bemerkte.
Sie haben 3 neue Nachrichten.
Noch bevor die mechanische Stimme die erste ankündigte, wusste sie, von wem sie war. Früher hatte sie dieses Gefühl geliebt, wie so vieles an Cohen, sie hatte es gemocht, genau zu wissen, wann er die Tür öffnen, wann seine Nummer auf dem Handydisplay erscheinen würde. Doch in letzter Zeit hatte sie nur Angst davor, dass er irgendwann vor ihr stehen würde, und sie keinen Ausweg mehr hätte.
Hi Summer. Du bist wohl gerade nicht erreichbar. Na ja, ich wollte dir nur sagen wir vermissen dich – stimmt’s Captain Oats? Brrrr! Also ich versuch’s später wieder!
Schmunzelnd ließ Summer sich auf den harten und ungemütlichen Sessel nieder und legte ihre Haube auf dem Schreibtisch ab. Mit angezogenen Beinen lauschte sie der zweiten Nachricht – wieder kein Zweifel, wer es sein würde.
Hey! Ich bin’s wieder. Stell dir vor, Ryan scheint glücklich zu sein! Ja genau, er ist glücklich mit Taylor. Es ist richtig unheimlich... du weißt schon, sonst springt er nicht so in der Gegend herum und grinst wie ein Honigkuchenpferd. Und jetzt rate mal, wer sich näher kommt! Dein Dad und ich, und zwar beim Golfschauen, nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Wie auch immer: da siehst du, zu was mich deine Abwesenheit treibt – nicht das was du jetzt denkst... Ruf mich doch einfach an.
Die dritte Nachricht. Leer. Genau wie ihr Herz in diesem Moment und wie ihr Kopf, in dem sie glaubte, das Meer rauschen zu hören, das glitzernde, türkisblaue Wasser von Newport Beach. Die braunen Augen füllten sich mit Tränen, doch noch ließ sie diese nicht frei. Nicht schon wieder.
In dem Moment wurde die Tür aufgerissen und Che stand mit zerschlissener Jeans und einem ausgewaschenen T-shirt mit der Aufschrift „Rettet den Baum“ in ihrem Zimmer: „Sie wollen ihn fällen!“
Im nächsten Augenblick rauschte er auch schon wieder auf den Gang.
„Ich komme“, flüsterte Summer und streifte ein neues T-shirt über. Es zeigte einen Baum, in den bereits eine scharfe Axt gedrungen war. „Rette mich“, stand darauf.

Ein Glas Wein würde einen schon nicht umbringen. Aber vielleicht drei, vier... Man musste es nur ausprobieren.
Leicht angeheitert führte Julie ein weiteres Mal ihr Glas zu den vollen Lippen und nahm einen kräftigen Schluck.
„Mum?!“
„Ich bin hier!“, rief Julie und versuchte dabei nicht zu betrunken zu klingen, während sie hastig die halbvolle Flasche mit einer Hand hinter ihrem Rücken versteckte und das beinahe geleerte Glas auf den Boden stellte, sodass ihr bodenlanges Kleid darüber fiel.
„Wo ist hier?“, fragte Kaitlin nach, als sie die Treppe herunter kam.
„In der Küche!“
Als Julie ihre jüngste und seit einiger Zeit einzige Tochter erblickte, schluckte sie ihren Kummer hinunter und tat, was von einer Mutter erwartet wurde, nur ihrer kleinen Tochter sollte eine hilfreiche Schulter zum ausweinen zustehen. Sie straffte mit einem gezwungenen Lächeln den zuvor noch gebeugten Rücken und wartete ab.
„Ich bin dann weg“, Kaitlin schien nur so von guter Laune zu sprühen, doch Julie konnte den Schmerz in ihren traurigen Augen sehen. „Fährst du mich?“
„So früh schon? Wo – wohin denn?“, niemals konnte sie in ihrer jetzigen Verfassung fahren, nicht ohne ein weiteres ihrer Kinder in Gefahr zu bringen.
„Da ist diese Party bei -“, die Fünfzehnjährige stutzte, als ihre Mutter für eine Nanosekunde nicht auf das wertvolle Beweismittel geachtet hatte und die Flasche klirrend Bekanntschaft mit dem harten Boden machte. Scherben sprenkelten das dunkle Holz wie der Tau am frühen Morgen an den Grashalmen hing. Roter Wein bildete eine kleine Lache um die Markenschuhe von Julie Cooper-Nichol. Die Ertappte stand da, unsicher, unwissend was nun zu tun war.
„Ich nehm’ das Skateboard“, Kaitlin machte auf dem Absatz kehrt. Im nächsten Moment fiel die schwere Haustür ins Schloss. Bei dem plötzlichen Laut fuhr Julie zusammen und wurde sogleich von großer Trauer zu Boden gedrückt. Mit zitternden Knien hockte sie in den Scherben ihres bisherigen Lebens. Bevor die erste Träne sich ihren Weg über ihre eine Wange suchen konnte, griff Julie wieder nach ihrem Glas, ihrem Rettungsanker.

„Hey“, Kirsten wandte sich überrascht in ihrem Morgenmantel nach ihrem Mann um, der soeben die Cohen-Küche betrat. „Ich dachte du wärst schon weg?“
Sandy drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und griff nach einem Bagle. „Das dachte ich auch!“, er hob seine schwarze Aktentasche hoch und versuchte gleichzeitig von seinem Frühstück zu kosten. „Ich bin spät dran.“
Ein weiterer Kuss und der Pflichtverteidiger verlies das Haus, eine schmunzelnde Ehefrau zurücklassend.
Kirsten hob überrascht den Blick, als ihr Sohn (ebenfalls im Morgenmantel) vor den silbernen Kühlschrank trat. „Was ist denn heute mit der Arbeit?“
Seth fuhr erschrocken und ertappt herum, fing sich aber sogleich wieder: „Erstens: heute ist Wochenende. Und zweitens: ich bin krank.“
Bei den letzten paar Worten begann er zu röcheln, verdrehte die braunen Augen und täuschte gekonnt einen Hustenanfall vor.
„Seth-“, setzte Kirsten zu einer weiteren „in-Selbstmitleid-baden-ist-keine-Lösung“ Rede an.
„Ich weiß, ich weiß“, konnte sie der Junge (diese hellseherische Fähigkeit hatte er wohl von seinem Dad) noch stoppen. „Gib mir lieber die Zeitung.“
Kopfschüttelnd tat Mrs. Cohen wie ihr geheißen und sah ihrem Sohn dann traurig nach, wie er sich schlürfend wieder in sein Zimmer begab, das ungekämmte Haar stand nach allen Seiten ab und ließ vermuten, dass die Dusche schon länger nicht mehr die Ehre hatte, den Sethman als Gast zu begrüßen. Seufzend ließ Kirsten ihre Augen nach unten wandern und entdeckte einen Brief, der an sie adressiert war. Sie stutze. Früher, als ihr Dad noch gelebt hatte, hatte dieser sich einen Spaß daraus gemacht nur ihren Namen und ab und zu den seines Enkels auf Postkarten und ähnlichem zu schreiben, da er seine Abneigung gegen Sandford nie unterdrücken konnte. Andere Post war jedoch immer nur an ihren Mann, den Pflichtverteidiger, gerichtet gewesen... Doch der gefürchtete Caleb Nichol war tot.
Unsicher wendete Kirsten den Brief in ihren Händen und las den Absender.

Marissa Cooper starrte stur auf ihre im Schoß gefalteten Hände und ignorierte hartnäckig Volchok’s Worte, wie sie es sich in den letzten Monaten angewöhnt hatte. Jedes Mal wenn er sie berührt hatte, wenn sein Atem über ihre bloße Haut fuhr und seine rauen Hände über ihr stoppeliges Haar strichen, blendete sie ihn aus, denn nichts schmerzte mehr, als das Wissen, dass es wirklich passierte, dass es nicht nur eine Illusion war.
Auch jetzt achtete sie nicht auf ihn, als er sie hochzog und seine Lippen fest auf die ihren drückte. In den Anfangszeiten, in den ersten paar Wochen, die schlimmste Zeit ihres Lebens, da hatte sie sich noch gewährt, da hatte sie noch so etwas wie Angst oder Abscheu gespürt. Damals hatte sie noch sein volles Gewicht auf sich gespürt, hatte den Geruch nach Alkohol und Dreck unfreiwillig in sich aufgesogen.
Doch heute, nach Tagen des Leidens, nach Wochen des Hassens, heute, fühlte sie nichts.

Ryan fuhr sacht mit dem Daumen das hübsche Gesicht der Verlorenen nach, die Konturen auf dem abgegriffenen Foto waren nichts weiter als eine Lüge, wunderschön und grausam zugleich. Und gerade, als er sich wieder von dieser undurchdringlichen Hölle umgeben fühlte, stand ein Engel plötzlich im Poolhaus.
„Ryan.“
Ryan schob schnell das Bild unter die Bettdecke und erhob sich. „Taylor.“
„Bist du soweit?“, Taylor sah ihn fragend an und legte soviel Liebe und wissendes Mitleid in diesen einen Blick das es wehtat.
Wann war Ryan Atwood das letzte mal soweit gewesen?
„Ryan?“, nun zitterte ihre Stimme, wie immer, wenn ihr bewusst wurde, dass er an jene Nacht dachte. Angst, pure Angst.
Schnell trat der Junge an sie heran und nahm sie schützend in die Arme, vor allem würde er sie verteidigen, nichts würde ihr schaden, niemand würde ihr etwas antun, nicht mal er selbst. „Ich bin soweit.“
Und seine Stimme, seine Haltung gewann an Sicherheit und Kraft zurück.
Taylor lächelte erleichtert, nun war er wieder der, in den sie sich verliebt hatte.

Ryan war glücklich. Wirklich glücklich. Und das war etwas, was man nicht zu schnell von ihm behaupten konnte. Er saß im Diner, ließ die aufsteigende Sonne seinen Rücken wärmen und nippte an seinem Kaffee, während er mit einem leichten Lächeln auf den Lippen Taylor dabei beobachtete, wie sie fröhlich vor sich hin plapperte. Wie ein Wasserfall.
„Ich meine ja nur, dass Französisch eine Sprache ist, die zu dir passen könnte. Zu mir hat sie gepasst und wir passen zusammen und da müsste sie auch zu dir passen und...“, der jungen Frau, denn als solche konnte man sie ja wohl bezeichnen, entging nicht das geringste, was ihren Freund betraf und so bemerkte sie auch das amüsierte Glitzern in seinen Augen. „...ich rede dummes Zeug.“ Eine kurze Pause, schnelles Nachdenken: „Ja, ich rede dummes Zeug, sogar sehr dummes. Schon wieder.“
Ryan grinste nun breit und zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern.
„Du könntest dich aber auch ein wenig mehr an unserem Gespräch beteiligen“, schmollte Taylor während sie mühsam versuchte einen Lachanfall zu unterdrücken und dabei scheinbar vor Scham und Entrüstung auf ihre Tasse hinuntersah und sie in ihren Händen hin und her wand.
„Dabei höre ich dir doch so gern zu“, seufzte Ryan und spielte seiner Freundin gekonnt den unglücklichsten Menschen auf der Welt vor.
Taylor sah abrupt auf und meinte versöhnt: „Tatsächlich?“ Sie beugte sich über den Tisch und Ryan tat es ihr gleich. Es war wie ein persönliches Ritual: sie feixten, machten sich gegenseitig lächerlich, spielten sich was vor und dann ... sollte eigentlich nicht das Handy läuten. „’tschuldigung“, murmelte Taylor und griff schnell in ihre Handtasche. Ryan ließ sich enttäuscht wieder zurück auf die gepolsterte Sitzbank fallen, da bemerkte er den überraschten Gesichtsausdruck seiner Gegenüber.
„Es ist Summer“, verkündete Taylor und bedeutete Ryan, sie würde schnell nach draußen gehen, um das Gespräch anzunehmen. Und Ryan? Er blieb zurück und sah sich wieder mit Erinnerungen an Marissa Cooper konfrontiert.
„Summer?“, vergewisserte Taylor sich, als sie nun vor dem Diner stand.
„Taylor“, die Freundin an der anderen Leitung klang mehr als erleichtert.
„Hey, was gibt’s neues? Schon mal mit Seth geredet?“, erkundigte sich Miss Townsend kühl und zog die Augenbrauen zusammen.
„Das ist nicht fair!“, protestierte Summer sofort.
„Was ist nicht fair?“
„Na ja.. Das.“
„Meinst du mit „das“, deinen verwirrten und alleingelassenen Freund oder dass ich dich so behandle oder...“
„Dass sie tot ist, verdammt!“
„Marissa.“
„Natürlich – Marissa, wer denn sonst?“
„Wieso redest du nicht einfach mal mit Seth darüber, er würde es verstehen“, Taylor schlug einen sanfteren Ton ein, als sie das Schluchzen am anderen Ende der Leitung vernahm.
„Ich – ich kann nicht. Ich meine ich weiß nicht...“
„Was, Summer, was weißt du nicht?“
„Ob ich einfach so weitermachen kann, verstehst du, ich bin mir einfach nicht sicher ob ich überhaupt zurückkomme. Und ich habe Angst, unglaubliche Angst, dass er zu mir kommt und gleichzeitig möchte ich nichts mehr, als bei ihm zu sein.“
„Ich verstehe“, log Taylor schnell und wollte sogleich die richtigen, tröstenden Worte finden. „Summer, ich denke nicht, dass er jemals aufhören wird auf dich zu warten. Er wird dich immer lieben aber du solltest ihm zeigen, dass er dir nicht egal ist. Wenn du schon nicht mit ihm reden oder ihn sehen kannst dann... schreib einen Brief.“ Sie atmete einmal tief durch: „Und Summer, denk immer daran: du bist nicht allein.“
Einen Moment blieb es still und es hatte schon den Anschein, als hätte hier jemand gerade Selbstgespräche geführt, da meldete Summer sich auch schon wieder, wenn auch leise und unscheinbar: „Danke.“
Taylor konnte nicht anders, sie musste lächeln, denn das Glück, welches durch dieses eine Wort ausgelöst wurde war zuviel und drang nun aus ihr heraus.
„Du bist wirklich eine gute Freundin“, Summers Stimme gewann an Kraft zurück. „Die Beste.“
Wahrscheinlich wäre bei dieser Aussage Taylors Grinsen noch breiter geworden, doch nun erlosch es vollkommen.
„Summer“, in ihren Augen, in ihrem ganzen Gesicht war Schrecken zu erkennen. „Ich muss aufhören. Bis bald.“ Und schon klappte sie das Handy zu.
Summer saß auf ihrem Bett starrte einen Moment verdutzt ihr Telefon an und hielt es wieder ans Ohr, ihre Stimme klang vorwurfsvoller denn je: „Taylor?!“

Seufzend lehnte Sandy sich in seinem Sitz zurück und betrachtete einen Moment die schneeweißen Wolkenfetzen, die an seinem Fenster vorbeizogen. Sein Blick schweifte ab, blieb an dem einen Flügel hängen und wanderte schließlich wieder ins Innere des Flugzeuges wo er dankend eine Stewardess abwehrte und dann die Unterlagen in seinen Händen überprüfte. Ein Mädchen, 15 Jahre alt, die Eltern: tot durch einen Autounfall, das Erbe: nichts, alles würde an die Schwester von Mrs. Brown gehen, die nichts von ihrer Nichte wissen wollte und da kam er ins Spiel.
Stirnrunzelnd strich er über den Namen der Waisen. Kimberly Brown. So könnte jeder heißen. Kimberly. Und doch war ihm dieser Name zu vertraut.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, die Hände zitterten, nervös versuchte sie den Hörer zu umklammern, vor ihr, auf der Kücheninsel lag der Brief.
„Gordon McAfee Anwaltskanzlei – was kann ich für sie tun?“, meldete sich fast schon mechanisch die Stimme einer Sekretärin.
„Kirsten Cohen“, ihr Mund war wie ausgetrocknet, sie schluckte. „Ich möchte bitte Mr. McAfee sprechen.
„Ihr Anliegen?“
„Es geht um das Testament von Sarah Brown.“
„Einen Moment, bitte.“
Kirstens Blick blieb an dem Wasserhahn hängen, er tropfte.
„Hier Gordon McAfee. Was kann ich für sie tun Mrs...“
„Cohen. Kirsten Cohen.“
„Also gut – was das Testament betrifft, so kann ich ihnen keine Auskünfte geben. Sie erscheinen zu dem festgelegten Termin und wir klären das. Ist sonst noch was Wichtigeres.“
„Mr. McAfee“, etwas in Kirstens Stimme ließ sogar den hart durchgreifenden Anwalt verstummen. „Ich habe Sarah seit 15 Jahren nicht mehr gesehen.“
„Das ist durchaus bedauerlich aber ...“
„Sie hatte eine Tochter“, ihre Stimme drohte zu brechen. „Lebt sie noch?“
„Ich wüsste nicht was das damit zu tun hätte...“
„Lebt sie?“, ihre Stimme nur noch ein Flüstern.
„Mrs. Cohen ...“
„Beantworten sie meine Frage!“
„Ja, sie lebt.“

Seth schreckte hoch, kaum das er den unverkennbaren Ton seines Handys vernahm, wühlte sich durch einen Berg schmutziger Wäsche, warf bei der Gelegenheit noch schnell seine Leselampe zu Boden, – Gott sei Dank wurde deren Sturz von einigen Hemden abgefangen – wagte sich auf allen Vieren zum Schreibtisch vor und fischte das gesuchte Objekt von seinem Sessel. „Hallo?“, keuchte der Junge etwas außer Atem gekommen.
„Seth, ich bin’s.“
„Ryan“, Seth würgte seine Enttäuschung hinunter und versuchte möglichst erfreut zu klingen. „Hey!“
„Hast du Taylor gesehen?“
Cohen stutzte: „Ich dachte ihr wärt frühstücken im Diner.“
„Nein. Ich meine ja. Ich meine das waren wir.“
„Und was ist passiert?“, Seth fuhr sich durch das dunkle Haar und stellte erstaunt fest, dass dieses länger als normal war, interessiert zog er eine Locke bis zu seinem rechten Auge. „Hast du sie verloren?“
„Irgendwie schon, ja.“
Doch Seth hörte gar nicht mehr zu. Er kniff die Augen zusammen und tatsächlich, das ihm nur allzu bekannte Mädchen stand noch immer knapp vor ihm – wie hatte es sich nur so lautlos hereinbewegt? – und versuchte zu lächeln, während es sich mit spitzen Fingern die Nase hielt. Wohl um nicht zu viel von dem Gestank mitzubekommen. Verständlicherweise.
„Hey Seth.“
„Seth?”, wunderte sich Ryan.
„Ich muss schlußmachen.“

Das Tuch auf ihrem Kopf kratzte, die viel zu kleinen Schuhe drückten und der dicke, schwarze Rollkragenpullover machte die Hitze auch nicht gerade erträglicher, aber zum ersten Mal seit einer Ewigkeit, konnte Marissa sich wieder halbwegs frei bewegen – wenn man von Volchok absah, der ihr nicht von der Seite wich.
„Mach keine Dummheiten“, raunte er dem Mädchen zu und drückte, seine Worte bekräftigend die Pistole in seiner Hand unter ihrem langen, weiten Mantel noch ein wenig fester gegen Marissas Rücken. In dem Moment kam ein blonder junger Mann, wohl etwa in ihrem Alter vorbei, winkte einem Freund zu und konnte nur um ein Haar dem seltsamen Paar ausweichen.
„Pass doch auf!“, fuhr Volchok den Störenfried wütend an. Dieser hob beschwichtigend die Hände, doch sein „Entschuldigung“ blieb ihm im Halse stecken als er in das junge Gesicht des Mädchens blickte und eine alte Bekannte darin entdeckte. Eine tote alte Bekannte. Luke wandte sich mit klopfendem Herzen ab und versuchte so unauffällig wie möglich weiterzugehen um dann in die nächste Gasse einzubiegen und sein Handy zu zücken.

Fortsetzung folgt.




Worum geht es?
"The OC alternative" schließt gleich nach der letzten Folge der 3. Staffel von "The OC" ('O.C., California') an. Dies ist eine Alternative zu der 4. Staffel. Es kann alles passieren.

Main Sites
Startseite
Gästebuch
Episodenliste
Tracklist
Cast
Staffel 4

Shoutbox

Affiliates

VOTE FOR ME

Others
Layout-Credits
Host

Designer
Silent

Gratis bloggen bei
myblog.de