Caught by the river

Der Retter in der Not

Neil seufzte schwer, als er nicht zum ersten Mal seine Verlobte friedlich schlafend auf der Couch vorfand: sie hatte wieder getrunken. In dem Moment vibrierte sein Handy in der linken Brusttasche, er zog es hervor und schon überkam ihn ein ungutes Gefühl, als er Kaitlins Gesicht auf dem Display erkannte.

Ein toter Mann, wo eigentlich die Leiche eines jungen Mädchens hätte sein sollen. Ein verschwundener Verdächtiger, keine Beweise und das Lügennetz, das man über alle Familienmitglieder und Bekannte von Marissa Cooper geworfen hatte. Inspektor Sharidon konnte sich wirklich nicht beklagen, keine Probleme zu haben. Schon gar nicht wenn sie keine Ahnung hatte, wieso man trotz allem einen leeren Sarg begraben hatte und einen Grabstein errichtet hatte, wo doch der Leichnam fehlte. Sie hasste es belogen zu werden und noch mehr hasste sie es, wenn es dabei um ihren Fall ging.
„Hey Sharidon, ein gewisser Luke Ward aus Portland auf Leitung eins.“

 

Seth starrte noch immer wie gebannt auf die schlanke Gestalt, die plötzlich sein Zimmer, sein zugegeben sehr unaufgeräumtes Zimmer, betreten hatte. Sein Blick wanderte zu seiner einen Hand, in der er vor kurzem noch sein Handy gehalten hatte. Nun schien es jedoch bereits in den Tiefen seiner vielen, wild aufeinandergeworfenen Comics verschwunden zu sein. Er war mehr als überrascht.
"Seth?", fragte das Mädchen nach, ihre Stimme klang etwas gedämpft, da sie sich, wie bereits erwähnt, die Nase hielt. "Nett hast du's hier. Hat sich was verändert?"
"Anna? Hey!", so schnell wie möglich versuchte Seth halt in seinem Durcheinander zu finden und rappelte sich schließlich auf. "Was tust du denn hier?"
"Ich war in der Gegend und dachte ich schau mal vorbei", entgegnete die Besucherin und gab den Kampf gegen den Gestank auf indem sie die Arme schließlich sinken ließ. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg durch Wäsche, Comics, CDs und andere undefinierbare Dinge.
"Tatsächlich?", erstaunt beobachtete der Junge seine alte Freundin. Zum einen überraschte ihn ihre Aussage und zum anderen, dass sie so verdammt schnell vorankam.
Das Mädchen hatte inzwischen ihr Ziel erreicht: erleichtert öffnete sie das Fenster, lehnte sich für einen Augenblick nach draußen, holte tief Luft und beantwortete dann die ihr gestellte Frage: "Nein, Seth. Eine Freundin ist gestorben. Ich dachte mir, ich schau mal nach wie's euch so geht, vielleicht kann ich ja helfen. Und-" Sie sah sich noch einmal eingehend in Seths Zimmer um. "-du scheinst sie ziemlich dringend zu benötigen - meine Hilfe. Ich möchte gar nicht wissen wie es Summer geht." Anna vermutete natürlich einen vollkommen falschen Anlass, was Cohens Verhalten betraf.
Seth fuhr sich seufzend mit einer Hand übers Gesicht und ließ die Arme dann lustlos an sich herunterbaumeln: "Ich schon. Ich wüsste gerne irgendwas von ihr."
Stern runzelte nachdenklich die Stirn. "Wie meinst du-" Da traf sie plötzlich die Erkenntnis. "Oh nein. Doch nicht schon wieder so ein Seth-Summer-Problem?"
Ein weiterer Blick auf ihren unglücklichen Freund genügte, um die bereits zu erahnende Antwort, bestätigt zu bekommen.
Auch Seth schien wieder etwas einzufallen, er nahm ein eingerahmtes Bild von sich und seiner vielleicht-Freundin von seinem Schreibtisch und betrachtete es einen Moment ehe er fast beifällig meinte: "Anna, du bist weise."
"Seth, du bist dreckig", erwiederte Anna daraufhin und verschränkte die Arme vor der Brust. "Geh duschen, dann sehen wir weiter."
Seth stellte das Bild zurück an seinen Platz, hob einen Arm an und erkannte bei dem unangenehmen Geruch, der daraufhin kaum zu vermeiden war, dass Anna tatsächlich sehr weise war.

Luke schob sein Handy wieder in die linke Hosentasche, überlegte einen Moment, ging ein paar Schritte nach vor, blieb wieder stehen und fasste schließlich einen Entschluss.

Kirsten kam gedankenverloren die Treppe hoch und blieb abrupt stehen, als sie ein paar Schuhe vor sich sah die eindeutig nicht zu ihrem Sohn gehören konnten. Erstaunt wanderten ihre Augen nach oben und erfassten schließlich das hübsche Gesicht von Anna Stern.
"Anna!", sie bemühte sich zu lächeln und nicht allzu mitgenommen auszusehen. "Was für eine Überraschung!"
"Ja, ich hoffe es macht ihnen nichts aus, dass ich einfach so hereingeschneit komme, aber -" Anna deutete vielsagend zur geschlossenen Badezimmertür, durch die Geräusche von fließendem Wasser drangen. "- ich denke, sie werden mir schon noch dankbar sein."
"Duscht da etwa jemand?", fragte Kirsten ein wenig irritiert nach und zählte im Kopf schnell die Bewohner des Cohen Anwesens auf. Sandy war bereits außer Haus, Ryan war bei Taylor, sie selbst hatte erst vor einer Stunde geduscht und Seth... "Ist das etwa mein schmutziger Sohn unter dieser Dusche?!"
"Wie gesagt", Anna grinste breit. "Sie werden mir noch dankbar sein."
"Ich hätte ehrlichgesagt nie daran gedacht, dass ich Seth noch mal sauber erlebe, ohne diesen..."
"Oh ja."
"Und dieses..."
"Mhm!"
"Und natürlich nicht zu vergessen..."
"Genau!"
Kirsten nickte knapp. "Anna, würdest du Seth bitte ausrichten, dass er für den restlichen tag auf sich alleingestellt ist?"
"Klar, Mrs. Cohen", erklärte sich das Mädchen sofort bereit.
"Es könnte spät werden..."
"Machen sie sich keine Sorgen", erwiderte Anna schnell und lächelte Kirsten aufmunternd zu. Ihre Weisheit ermöglichte es ihr, zu erkennen, wenn etwas nicht stimmte und zu wissen welche Worte sie verwenden sollte. "Mrs. Cohen-", hielt sie die Mutter ihres Freundes noch einmal zurück, als diese bereits wieder die Treppe hinunterschritt. "Sie sollten sich vielleicht etwas anderes anziehen."
Kirsten sah überrascht an sich hinunter und bemerkte den rosaroten Morgenmantel und die flauschigen Pantoffeln an ihren Füßen, verwirrt fuhr sie sich mit einer Hand durch das blonde Haar und erkannte, dass sie sich nicht einmal frisiert hatte. "Oh, natürlich." Sie ging die paar Stufen wieder hinauf und machte sich auf den Weg in ihr Schlafzimmer. Nach ein paar Schritten wandte sie sich noch einmal um. "Danke."
Anna nickte der Älteren freundlich zu und sah ihr dann nachdenklich hinterher. Doch bevor sie sich noch weiter Gedanken über Kirsten Cohens Wohlbefinden machen konnte, bemerkte sie, dass der Duschhahn nicht mehr länger lief. Stirnrunzelnd stellte sie sich neben die Tür.
"Seth?"
"Anna?"
"Du hast aufgehört?"
"Ja."
"Bist du sauber?"
"Sicher!"
"Das glaube ich eher nicht. Hast du schon gebadet?"
"Ich habe geduscht."
"Und gebadet?"
"Ich habe geduscht?"
"Seth, wie lange ist es her, dass du das letzte mal gebadet hast?"
Da blieb es stumm im Badezimmer. Kurze Zeit später konnte man bereits wieder Wasser plätschern hören.
"Und vergiss das Shampoo nicht!"

Taylor versuchte nun schon seit geraumer Zeit nicht all zu sehr hinter ihrem Blumenstock-Versteck aufzufallen. Vorsichtig bog sie ein weiteres Mal ein breites Blatt des grünen, palmenartigen Gewächs’ nach unten und lugte zu dem kleinen Buchladen auf der anderen Straßenseite hinüber. Tatsächlich, da stand er noch immer und schrieb mehr oder weniger nette und witzige Grüße an seine Fans, hauptsächlich weiblichen Geschlechts, in seinen neusten Roman. Ein kichernder Haufen fünfzehnjähriger versperrte ihr für einen Moment die Sicht, stirnrunzelnd versuchte sie etwas zu erkennen und einen Blick auf den gutaussehenden Franzosen zu erhaschen.
"Taylor?"
Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen, atmete einmal tief durch und stellte sich schließlich der Herausforderung. sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf und wandte sich schließlich nach ihrem Freund um.
"Ryan", sie wollte einfach nicht aufhören zu grinsen. "Ich hab dich gar nicht kommen hören."
Ryan grinste zurück und sah seine Freundin misstrauisch an. "Taylor", auch er sprach in gespielt fröhlichem Ton. "Was tust du da?"
"Nichts, lass uns gehen", erwiderte Taylor schnell und wollte sich auch schon bei Ryan einhaken und ihn mit sich ziehen, doch es war zu spät.
"Wer ist das?", der Junge war neben die Pflanze getreten und betrachtete den Mann, wohl ein Franzose, mit schiefgelegtem Kopf. Kreischende Mädchen ließen ihn zurückschrecken.
"Ach das, das ist niemand", Taylor versuchte verzweifelt so beiläufig wie möglich zu klingen. "Ein Autor, nichts weiter."
"Gefallen dir denn etwa seine Bücher?"
"Äh", da ergriff das Mädchen den Rettungsring, der ihr überraschend zugeworfen wurde. "Ja!"
"Dann lass und doch hingehen und ..."
"Nein!", sie reagierte wohl ein wenig zu heftig, denn Ryan zog die Brauen hoch und betrachtete seine Freundin eingehend. "Ich meine: nein, ich bin doch nicht so wie - die."
In dem Moment schrie ein weiterer Fan des Schriftstellers plötzlich in den höchsten Tönen auf und warf sich dem dunkelhaarigen Franzosen um den Hals, sodass der arme Mann fast zu Boden ging.
"In Ordnung", meinte Ryan achselzucken. "Gehen wir."
Und während ihr Freund schon vorausschlenderte, seufzte Taylor erleichtert, warf noch einen flüchtigen Blick auf den Grund der vorangegangenen Unterhaltung und beeilte sich dann, Ryan hinterherzukommen.

Summer lehnte sich vorsichtig gegen den harten Stamm des Baumes und versuchte sich ein wenig Schlaf zu gönnen. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Der Baum war zu hart, der Boden war zu hart und das Leben natürlich auch.
"Summer", da kam Che hocherfreut auf sie zugerannt. "Der Streik ist vorbei!"
"Tatsächlich", stöhnend rappelte sich das Mädchen hoch. "Wir haben gewonnen?"
"Nein", für einen Moment schien die Begeisterung des Jungen abzuflauen doch dann leuchte sein Gesicht wieder auf. "Aber ich hab was viel besseres." Er hielt Summer ein zerknittertes Blattpapier entgegen.
Kaninchenbefreiungsaktion, wer macht mit?
"Woher hast du das?"
"Nancy."
"Oh, Nancy."
"Was?", verteidigte Che die Mitstreiterin. "Sie hilft den Armen und Schwachen."
"Und trägt eine Handtasche aus Krokodilleder mit sich herum", die junge Studentin verschränkte stirnrunzelnd die Arme vor der Brust.
"Es könnte eine Fälschung sein...", machte der Junge einen kläglichen Versuch seine Freundin zu beruhigen.
"Aber du bist dir nicht sicher."
"Summer...", setzte Che verzweifelt an, sein Grinsen war nur noch ein schmaler Strich in seinem bärtigen Gesicht.
"Ja Ok, ich bin dabei."
Und schon lächelte er wieder: "Übermorgen geht's los."

Seufzend ließ Summer sich auf ihr schmales Bett fallen und musste einmal mehr an Newport Beach denken, an ihr breites Bett - was irgendwie wieder dazu führt, dass sie an Cohen erinnert wurde... frustriert richtete sie sich wieder auf und bemerkte erst jetzt, dass sie nicht allein war.
Ihre Zimmergenossin Jane stand über ihr eigenes, ebenfalls eher schmales Bett gebeugt und pinnte ein weiteres Foto an ihre bereits unglaublich volle Wand.
"Ein Wunder, dass du überhaupt noch Platz findest", meinte Summer ein klein wenig sarkastisch.
Jane fuhr herum, wohl hatte sie vor Konzentration den Neuankömmling gar nicht bemerkt, doch schon hatte sie die richtige Antwort parat: "Wenn ich tatsächlich nichts mehr draufkriege kann ich ja deine verwenden."
Automatisch wanderten Summers Augen zu ihrer eigenen, total leeren Wand und ihr Herz wurde schwer, doch ehe sie noch weiter in Trübsal versinken konnte, musste sie sich um eine weitere Aussage ihrer Zimmergenossin den Kopf zerbrechen.
"Ich dachte du wärst bei deinem Freund."
"Meinem was?", wunderte sich das Mädchen, denn es war sich sicher Seth Cohen niemals an der Brown erwähnt zu haben, was sie wiederum nachdenklich stimmte.
"Deinem Freund", meinte Jane ganz beiläufig. "Che, glaube ich."
"Che?", nun sah Summer den blonden Jungen vor sich, mit dem wild wuchernden Bart und dem interessanten Outfit. "Der ist nicht meine Freund, ich meine er ist ein Freund aber nicht mein Freund, ich meine schon, aber er ist eben nicht der Freund, von mir."
"Immer mit der Ruhe", grinste Jane und durchquerte den Raum. "Hat ja keiner was gesagt." Sie war schon bei der Tür und öffnete sie, da wandte sie sich noch einmal um. "Du bist mir ein Rätsel Summer Roberts. Hast du überhaupt eine Vergangenheit?" Und weg war sie.
Summer blieb nachdenklicher als je zuvor auf ihrem schmalen Bett zurück. Ihr Blick viel wie zufällig auf den kleinen Kalender auf ihrem Nachttisch. Es war Wochenende.

"Ich suche Miss Brown."
"Und ich habe ihnen schon gesagt: die wohnt nicht mehr bei mir", erwiderte eine in die Jahre gekommene, kleine Frau, deren Gesicht in den ganzen Falten unterzugehen drohte und deren spärliches Haar schneeweiß war und nur knapp den Kopf bedeckte. "Die ist abgehauen, mit irgend so einem Typen vom Hafen."
Sandy atmete einmal tief durch um nicht seinem Ärger laut Luft zu machen: "Mrs. Brown, sind sie nicht ihre Grandma?"
"Nein", meinte die Ältere gelassen. "Dass war ich nie." Und schon verschwand sie in ihrem kleinen Häuschen, wo höchst wahrscheinlich eine Horde flohbefallene Katzen auf sie wartete.
Sandy fühlte sich an die Zeit zurückerinnert, da er Ryan das erste Mal getroffen hatte. Seufzend fuhr er sich mit der einen Hand durch das rabenschwarze Haar und machte sich schließlich auf Richtung Hafen, er würde sich wohl noch längere Zeit über das seltsame verhalten der alten Dame wundern. Kinder waren doch das wichtigste für jeden Vater oder jede Mutter, und auch für jede Großmutter, man konnte keinen ruhigen Atemzug mehr machen (ganz wie Asthma), wenn man nicht wusste, ob es ihnen gut ging. Nun stand Sandy Cohen vor der Herausforderung ein Mädchen irgendwo in Los Mochis zu finden, von dem er nicht einmal wusste, wie es aussah. Und unverständlicher Weise spürte er bei dem Gedanken daran, es könnte ihr etwas zugestoßen sein, das gleiche seltsame, ungute Gefühl das ihn von Zeit zu Zeit bei seinen Söhnen überfiel - ganz wie Asthma, eindeutig.

 

Dr. Roberts hätte liebend gern seine Entscheidung, die anfangs eigentlich recht vernünftig auf ihn gewirkt hatte, noch mal überdacht, nun, da er seinen teuren Wagen vor dem Haus der Wards geparkt hatte. Jugendliche schienen von überall her in das riesige Anwesen zu strömen, wobei sie Lärm und Alkohol mit sich führten und davon mehr als genug. Und obwohl der Platz, der ihnen hier zur Verfügung stand wirklich ungemein groß war, zog es manche der Jungen und Mädchen auf die Straße, wo sie laut dröhnend bekannt gaben, wie betrunken sie eigentlich waren. Nie hätte Neil Eric und Brad eine solche Party zugetraut. Eine Feier, die unglaublich gut durchdacht war, da doch sowohl die Mutter als auch die Nachbarn zu einem Golfturnier aufgebrochen waren und erst am Montag wieder zurückerwartet wurden. Wie konnte es möglich sein, dass diese zeitweise etwas tollpatschigen Zwillinge etwas derart großes planen konnten?
Seufzend schnallte Dr. Roberts sich ab und öffnete vorsichtig die Autotür, wollte er doch keinen der Trunkenbolde damit erwischen. Sorgfältig schloss er das sündhaftteure Gefährt schließlich ab und ließ es dann nur recht wiederwillig so ganz alleine zurück.
Neil sah sich auf seinem Weg zum Hauseingang noch einmal sorgfältig um und staunte erneut über diese List, welche die Brüder ausgeheckt hatten, da kam ihm ein nur allzu bekanntes, junges Mädchen entgegen. Ihr Gang war herrisch und ihr Auftreten unglaublich einnehmend, die beiden Jungen, die hinterher geeilt kamen, sahen neben ihr wie zwei armselige Clowns aus, aber schließlich waren es ja auch Eric und Brad...
„Kaitlin“, begrüßte Neil seine Faststieftochter ein wenig unterkühlt und plötzlich wurde ihm so einiges klar was diese „kleine“ Feier anbelangte.
„Dr. Roberts!“, war die gewohnte Entgegnung. Kaitlin stand nun direkt vor dem älteren Mann und stemmte die Hände in die Hüften, wie um zu beweisen, dass doch wirklich alles unter Kontrolle war. „Kann ich behilflich sein?“
Neil hob ein wenig überrascht die ergrauten Brauen und betrachtete die zwei Unglücksgestalten, die nun nachgekommen waren fragend und auch etwas verwirrt. „Ich wurde informiert“, er hatte seinen Blick wieder von den Brüdern losgerissen und versuchte nun so etwas wie Angst und Unsicherheit in dem ausdruckslosen Gesicht des Mädchens zu entdecken, ohne Erfolg. „Dass es hier – dass hier eine kleine Party“, er gestattete sich noch eine kurze Pause, die seinen Worten mehr Ausdruck verleihen sollte. „Ein wenig außer Kontrolle geraten ist?“
Doch Kaitlin starrte Dr. Roberts nur herausfordernd an und verschränkte nun die Arme vor der Brust: „Tatsächlich. Und wer...“
„D-dein Handy“, meldete sich da Eric etwas nervös zu Wort und reichte dem Mädchen das Beweismittel. „Kaitlin?“, verunsichert verharrte er mit ausgestrecktem Arm und wartete vergeblich darauf, dass sie auf seine Worte reagierte.
„Ich bin etwas enttäuscht, dass nicht du es warst, der mich angerufen hat“, Neil fuhr sich seufzend mit einer Hand durch das helle Haar und wirkte in dem Moment um einige Jahre gealtert.
„Es ist alles unter Kontrolle“, entgegnete Kaitlin kühl und schien dabei Eric noch immer kein bisschen Beachtung zu schenken, was ihn womöglich noch mehr strafte, als irgendwas sonst.
„Eric hat gemeint, die Jackson-Schwestern seien bereits auf die Theke gesprungen...“, Neil schüttelte verständnislos den Kopf, Sturheit war unter den Cooperfrauen weitverbreitet.
Brad entdeckte seine Chance etwas zu der kleinen Unterhaltung beizutragen und nutzte diese auch sofort: „D-das stimmt.“ Er nickte bekräftigend und dachte dabei wohl an die knapp bekleideten jungen Mädchen von denen gerade die Rede war.
Doch Kaitlin ließ sich nicht unterkriegen: „Ich kenne jemanden, der das auch ohne Alkohol zustandebringt.“ Sie grinste spöttisch: „Oder vielleicht zwei?“
„Ich werde das jetzt in Ordnung bringen“, Neil ging einfach über die letzte Bemerkung hinweg, als hätte sie diese nie gegeben. „Wäre deine Mutter nicht zu betrunken dafür, sie hätte sich sicher eine angemessene Strafe für dich ausgedacht.“ Wieder schüttelte er den Kopf und griff in seine linke Gesäßtasche. „Aber ich bin ja auch noch da.“ Dann drehte er sich um, wohlwissend, dass er von dem wütenden Blick des Mädchens geradezu durchbohrt wurde und hielt die Hand mit dem soeben gezückten Handy in die Höhe. „In einer halben Stunde rufe ich die Bullen!“, schrie er so laut er konnte in die Menge und ging dabei in Richtung Straße.
Brad kam sofort begeistert hinterher. „Ja genau“, stimmte er Dr. Roberts eifrig zu und warf sich gebieterisch in die Brust, als wäre ihm selbst diese wundervolle Idee gekommen.
Sein Bruder hätte es ihm womöglich auch nachgetan, doch war er dazu verdammt neben Kaitlin zu verharren und ihr das Handy entgegen zu halten, obwohl sie es womöglich nie wieder auch nur eines Blickes würdigen würde.

Wann immer dieser störende hohe Ton erklang, durchzuckte sie ein unglaublich hartnäckiger Schmerz, der in ihrem Kopf dröhnte und gegen ihre Schläfen pochte. Stöhnend versuchte Julie sich zu erheben, sank jedoch fast sofort wieder von eben diesem Schmerz übermannt auf die Couch zurück, wo sie wohl die vergangene Stunde gelegen hatte, obwohl sie sich einfach nicht erinnern konnte, dem Möbelstück auch nur nahe gekommen zu sein. Ein zweiter Versuch wurde unternommen und dieses Mal saß sie tatsächlich für ihre Verhältnisse ziemlich aufrecht. Einen Moment rührte sie sich nicht mehr, sie schloss die Augen und atmete schwer. Ihre sonst so perfekt gestylte Frisur hatte sich gelöst und ihr rot-braunes Haar machte einen etwas unfrisierten und zerzausten Eindruck. Es schien fast so, als würde längere Zeit nicht mehr viel geschehen und da das Klingeln, wo immer es auch herkommen mochte, inzwischen aufgehört hatte, schien es nur allzu verständlich, wenn sich eine verkaterte Frau noch mal hinlegen durfte. Oder sterben, Herrgott – wie gern wäre sie jetzt einfach tot umgefallen.
Plötzlich regte sich wieder etwas in Mrs. Cooper-Nichol. Sie griff in einer ruckartigen Bewegung, die sie sofort wieder bereute, nach vorn und bekam den niedrigen Wohnzimmertisch zu fassen. In dem Moment läutete es erneut.
„Ja doch“, fauchte Julie das Telefon an, denn den Verantwortlichen hatte sie bereits identifizieren können. Leider stand ihr klingelndes Ziel in der Küche und das schien gleichbedeutend wie mit dem anderen Ende der Welt.
Vorsichtig erhob sie sich und presste, kaum da sie nun tatsächlich stand, die Hände gegen die Stirn und schien wohl so den Schmerz herausdrücken zu wollen. Das nervtötende Läuten schien lauter zu werden, aber womöglich lag es nur daran, dass sie sich endlich entschieden hatte ein paar Schritte drauf zuzugehen. Langsam taumelte sie der Küche entgegen und stützte sich dabei an allem ab, was sie nur finden konnte, wobei sie hartnäckig den immer stärkerwerdenden Brechreiz zu unterdrücken versuchte.
Endlich, es schien eine halbe Ewigkeit vergangen zu sein, erreichte sie ihr Ziel. Stöhnend ließ sie sich mit dem Rücken zur Wand auf den Holzfußboden gleiten und griff noch bevor sie sich richtig hinsetzten konnte nach dem Hörer.
„Hallo?“, ihre Stimme war nicht mehr als ein flüstern und es würde wohl jeden erstaunen, dass sie dennoch verstanden wurde.
„Mrs. Cooper-Nichol?”, die Frau am anderen Ende der Leitung klang mehr als misstrauisch, war sie doch schon ganz andere Seiten von Julie gewohnt.
„Ja“, die „neue“ Mrs. Cooper-Nichol war sich ziemlich sicher, dass sich die vielen Möbel nun auf sie zugbewegten und die Wände sich zu drehen begannen.
„Inspektor Sharidon hier“, es folgte eine kurze, fast nachdenkliche Pause, in der Julie plötzlich auffiel, wie laut und regelmäßig das Ticken der Wanduhr zu vernehmen war.. „Es gibt da einiges, das sie wissen müssen.“

„Also“, Anna stand mit Seth, der ihr inzwischen alle Einzelheiten seines Summer-Problems anvertraut hatte, in der cohenschen Küche, da sich dieser noch schnell eine Stärkung genehmigen hatte wollen, doch irgendwie hatte das Mädchen so den Verdacht, dass er nur einen Grund zum Hinauszögern seiner Abreise, die sie selbst für eine äußerst gute Idee hielt, gesucht hatte, genau wie die Tatsache, dass sie sich vorhin noch eine halbe Stunde darüber gestritten hatten, ob Sesambagles nun wirklich besser waren als die mit Salz bestreuten. „Bist du soweit.“
Cohen schluckte seinen letzten Bissen hinunter, an dem er besonders lange gekaut hatte: „Ich habe auch noch Pudding im Kühlschrank gesehen...“ Stern sah ihren Freund entgeistert an. „..falls du noch Hunger bekommen solltest“, rettete sich der Junge hastig aus seiner misslichen Lage. „Ein wirklich guter Pudding. - Puddding.“
„Seth!“, Anna wollte auf keinen Fall in eine Diskussion über Vanille oder Schoko geraten und verschränkte abwartend die Arme vor der Brust.
„Ob ich bereit bin, hm?“, er blickte verunsichert an sich hinunter und richtete seine dunklen Augen anschließend wieder auf seine Freundin. „Ich habe frische Sachen an“, stellte er fest, als wäre ihm diese Tatsache erst gerade eben bewusst geworden. „Sehr vorteilhaft.“
Anna konnte nur zustimmend nicken.
„Ich bin geduscht und gebadet und ich war beim Friseur“, er fuhr sich, wie um sich die letzte Aussage selbst noch mal zu beweisen durch die braunen Locken, die nun um einiges kürzer waren.
„Und das alles lässt darauf schließen...“, begann Anna hilfreich und sah Seth dann auffordernd an.
„Dass ich schon morgen loskann.“
„Heute! Seth!“, sie packte den Jungen entschieden an einem seiner Hühnerärmchen und zog ihn hinter sich her zur Haustür. „Und zwar jetzt.“ Sie riss die Tür auf und schob Cohen vor sich her nach draußen.
Seth verstand sich jedoch darauf zu wiedersprechen und er konnte sehr hartnäckig darin sein: „Vielleicht sollte ich doch noch schnell anrufen, bescheid geben.“
„Du könntest sie jedoch auch einfach überraschen.“
„Meine Eltern...“
„Sind ebenfalls außer Haus.“
„Haus – mein Stichwort. Ich kann es doch nicht einfach so zurücklassen.“
„Ich bin da“, die zwei hatten inzwischen Annas Wagen erreicht. „Ryan ist da.“ Sie riss die Tür auf und drückte Seth auf den Fahrersitz und die Schlüssel in seine Hand.
Doch der Junge saß, plötzlich nachdenklich und tatsächlich auch stumm geworden da und rührte sich nicht.
„Sie wartet sicher schon sehnsüchtig auf dich“, erkannte Anna sofort das Problem und war nun im Begriff es zu beheben. „Du verpasst noch deinen Flug.“
„Du bist zwar weise“, stellte Cohen fest und drehte die Schlüssel in seiner Hand. „Aber bist du auch Hellseherin?“
„Dafür muss man nicht in die Zukunft sehen können“, das Mädchen bedachte ihren Freund mit einem Blick, der so voller Zuversicht war, dass selbst Seth Cohen es nicht mehr wagte ihr zu wiedersprechen. „Selbstvertrauen, Cohen!“ Sie schluckte schwer, als ihr bewusst wurde, wie gern sie dieses Mädchen sein wollte, für das er wirklich alles tun würde und wie sicher es war, dass Träume nie in Erfüllung gehen.

Kaitlin saß mit vor der Brust verschränkten Armen neben Neil auf dem Beifahrersitz und starrte stur aus dem Fenster. Die zwei hatten sicher während der gesamten Fahrt hierher kein Wort miteinander gewechselt, was womöglich auch ganz gut so war, da man sich nie sicher sein konnte, wer dem anderen dann zuerst zu Leibe rücken würde.
Dr. Roberts hielt das Lenkrad ziemlich verkrampft in den Händen und sein Gesicht war vor Wut verzerrt, dieser Zorn konnte natürlich auch durch die neue Lackierung seines Wagens verstärkt worden sein, die ihm die Jugendlichen noch schnell verpasst hatten. Nun begann Neil mit dem einen Finger regelmäßig gegen das Leder unter seinen Händen zu klopfen und rückte sich derweil mit der weniger beschäftigten Hand die schwarze Sonnenbrille zurecht.
„Julie?!“, erkannte er plötzlich seine Verlobte, die etwas ungepflegt die Straße entlang taumelte und sich gerade über das nächste Gebüsch beugte und würgend ihr Frühstück wieder zu Tage förderte. Schnell nahm Neil das Fahrtempo zurück und lenkte sein Auto auf den Grasstreifen neben Mrs. Cooper-Nichol. Schon wollte er ihr zur Hilfe eilen, da ihre Tochter noch immer unbeweglich sitzen blieb und ihre Mutter kaum eines Blickes würdigte, doch da richtete sich Mum auch schon wieder auf und entdeckte zwei bekannte Menschen in einem ihr nicht mehr so bekannten Wagen. In dem Moment geschah etwas, das selbst Kaitlin von ihrem Trotz erlöste, etwas, dass Neil Roberts ganz und gar die neue Verzierung seines Autos vergessen ließ: Ein Lächeln erhellte Julies Gesicht.

 

Anna konnte es kaum glauben, als Seth tatsächlich mit ihrem Auto hinter der nächsten Biegung verschwunden war.

Sie stand nun nachdenklich geworden in Cohens Zimmer und betrachtete interessiert die wilddurcheinandergeworfene Wäsche, die Comicstapel und die vielen CDs die vereinzelt überall verteilt waren. Seufzend bückte sie sich und befreite Captain Oats mit spitzen Fingern von einer Socke, die nicht mehr sonderlich frisch zu sein schien. Sie stellte das Plastikpferd auf dem kleinen Nachttisch ab, wobei ihre Aufmerksamkeit auf ein in einen Holzrahmen eingefasstes Bild gezogen wurde, das Summer und Seth am Strand sitzend zeigte und verweilte einen Moment nur um sich zu vergewissern, dass nicht sie das Mädchen an seiner Seite war. Schließlich konnte sie sich mit Mühe von dem Foto abwenden und richtete nun ihre gesamte Aufmerksamkeit auf das Durcheinander, dass sich ihr hier darbot. Sie hatte eine neue Aufgabe.

Volchok war nicht dumm, oder zumindest nicht sonderlich. Er wusste wenigsten wann man ihm etwas vormachte und er hasste es abgrundtief. Schon seit geraumer Zeit hatte er kein Wort mehr gesprochen, was Marissa an seiner Seite nur allzu recht war. die Hitze war inzwischen unerträglich geworden, trug sie doch, um nicht entdeckt zu werden diesen viel zu dicken langen Mantel. Nur das Kopftuch schützte ihren Kopf vor den heißen Sonnenstrahlen, sodass sie wenigstens diese Schmerzen vermeiden konnte.
Und da Kevin Volchok nicht allzu dumm war, hatte er während dem schweigenden Marsch nur eines oder besser jemanden im Blick gehabt: der blonde, unvorsichtige Kerl, mit dem sie erst kürzlich zusammengestoßen waren und der seitdem die zwei zu verfolgen schien.

 

Worum geht es?
"The OC alternative" schließt gleich nach der letzten Folge der 3. Staffel von "The OC" ('O.C., California') an. Dies ist eine Alternative zu der 4. Staffel. Es kann alles passieren.

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