Caught by the river


Die Kusssache und ein Held für Summer

Anna ging etwa zehn Schritte hinter Summer zurück in Richtung Lukes Krankenzimmer, sehr darauf bedacht, das andere Mädchen nicht doch noch einzuholen. Sie starrte auf den ihr zugewandten Rücken und das geschmeidige, im Takt der Schritte wippende Haar, während sie den vollgefüllten Plastikbecher mit Spitzen Fingern am oberen Rand möglichst festzuhalten versuchte, da jede andere Berührung, durch das heiße Getränk zu einer ziemlich schmerzhaften Begegnung ausarten konnte. Stern konnte sich nicht erinnern, wann sie mit ihrer Weisheit jemals am Ende gewesen war, doch diese Rätsel die sich ihr nun darboten, Kirstens seltsames Verhalten ohne jeden sichtbaren Grund und Summers Hartnäckigkeit daran festzuhalten, dass ihr Freund sie betrug und ihre Freundin weiterhin bei den Toten verweilte, konnte sie beim besten Willen und bei aller Klugheit einfach nicht lösen.
Summer verschwand nun hinter der nächsten Biegung und Anna spürte, durch diesen Anblick wohl beeinflusst, wie die Verzweiflung in ihr überzuschnappen drohte. Gehetzt ließ sie ihren Blick umherwandern, war denn niemand da, der ihr die Hand entgegen streckte und sie mit einem aufmunternden Lächeln vor diesem Sturz retten würde, nur mit diesen wenigen Worten: „Spring nicht.“
In dem Moment entdeckte sie ihn, ganz so als hätte man ihr Flehen erhört, war er plötzlich aufgetaucht. Der Junge schlenderte, wohl gerade in Gedanken versunken den Gang vor ihr entlang, den Blick auf den gefliesten Boden geheftet, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben.
Anna, die nun wie zuvor schon Roberts an der Biegung angekommen war, spähte vorsichtig nach links, konnte jedoch ihre Freundin nicht mehr entdecken und setzte dann ihren Weg in entgegengesetzter Richtung fort.
Ihr Herz hämmerte wie wild gegen ihre Brust, sie war sich ziemlich sicher, dass sie an Atemnot leidend hier und jetzt zusammenbrechen würde, vor all diesen Leuten, vor ihm, der sie auffangen würde. Ihre Schritte wurden schneller, größer, eilender. Ihr Verlangen war zu gewaltig, als dass sie es hätte bändigen können.
Nur noch drei Schritte.
Sie warf den Becher in den silbernen Mülleimer, eine Bewegung, die sie in ihrem Vorhaben kaum beeinträchtigte.
Zwei Schritte.
Sie spürte, hörte, sah inzwischen nicht mehr was um sie her geschah, das Einzige, was nun zählte war er, der Junge, ihr Retter.
Ein Schritt und
sie war bei ihm, drückte ihn von der Seite gegen eine nur angelehnte, weiße Tür, gelangte mit ihm in das Zimmer, welches sich dahinter verbarg.
Er drehte sich zu dem Mädchen um, Erstaunen stand ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben, sein Mund öffnete, wohl um etwas zu sagen, zu fragen...
Doch Anna hörte ihn nicht,
nicht jetzt, da die Zeit für einen Moment zum Stillstehen gebracht worden war. Nicht jetzt, da ihnen beiden dieser eine Augenblick gehörte, ihnen allein.
Nicht jetzt, da sie die Wärme seines Körper deutlich wahrnahm, seine nur allzu sichere Anwesenheit, seine Hand – Seths Hand die sich ihr entgegenstrecken würde, wenn sie am Abgrund stand: Spring nicht.
Nein, sie würde nicht springen,
und diesen einen Gedanken im Kopf, ein Satz, der sie ganz und gar einzunehmen schien, mit diesem Hochgefühl zog sie ihn an sich heran,
presste ihre Lippen auf die seinen.
Nicht jetzt, wo für einen Moment die Sorgen vergessen waren.

Anfangs ließ er es einfach geschehen. Vorerst schien ihm dies der sicherste, der beste, der einfachste Ausweg. Denn genau das war es ja, nach was er suchte, das war es was er in diesem Moment mehr als alles andere benötigte: Die Lösung seiner Probleme.
Doch dieses Gefühl der Zufriedenheit, welches sich über ihn legte und ihn bis zu den Fingerspitzen durchflutete, dauerte höchstens wenige Sekunden und verflüchtigte sich in dem Moment, da er begriff, dass das falsche Mädchen in seinen Armen lag, dass dies eben nicht die Lösung seiner Probleme darstellte und dass ihm Leben nichts einfach war.
„Verdammt“, entfuhr ihm eine nicht gerade romantische, geschweige denn höfliche Äußerung, während er Anna von sich schob und ein paar Schritte zurücktrat. Ein Moment der Benommenheit füllte die Lücke, die nun zwischen ihnen entstanden war und die vorhin noch von Vertrautheit und Glück geflutet gewesen war.
Ohne ein weiteres Wort, vielleicht mit einer zögernden Bewegung der linken Hand, ganz so als würde Seth seine Freundin mit einer kurzen, tröstenden Gäste versöhnend stimmen wollen, obwohl er selbst spürte, wie die Wut in ihm zu kochen begann, verließ der Junge schließlich den Raum und wandte sich kein weiteres Mal um.
Anna blieb einige Sekunden, vielleicht auch Minuten, wo sie war. Sie spürte wie die Röte in ihr Gesicht schoss und wie sie gleichzeitig zumindest von außen die Ruhe selbst blieb, während in ihrem Herzen Hass, Scham und Liebe Hand in Hand gingen. Sie biss sich nervös geworden auf die Unterlippe, als ihr bewusst wurde, dass sie nun die Konsequenzen zu tragen hatte, dass sie einen Fehler begangen hatte, der nicht einmal mit der Hilfe ihrer Weisheit behoben werden konnte. „Verdammt“ schien da doch ein sehr passender Ausdruck gewesen zu sein.
Endlich löste sie sich aus ihrem tranceartigen Zustand, trat ein paar schritte auf die weißgestrichene Tür des Zimmers zu, öffnete diese und stieß dabei zu ihrer Überraschung mit dem einen Fuß gegen einen Plastikbecher, dessen brauner Inhalt sich auf den gefliesten Boden vor ihr ergoss. Sie bückte sich stirnrunzelnd danach, war sie sich doch sicher gewesen, dass sie den Mülleimer vorhin getroffen hatte und entdeckte in ihrer hockenden Haltung augenblicklich innehaltend einen weiteren Becher, dem wohl dasselbe Schicksal wiederfahren war.
Und in dem Moment wusste sie es.
Sie wusste es, sie konnte es sich so klar und deutlich in ihren Gedanken ausmalen, dass es sich vor ihrem inneren Auge abzuspielen schien.
Ein Mädchen, welches durch den Türspalt lugte.
Summer, die es wusste.

Seth tat sein Möglichstes die Gedanken an Anna beiseite zu schieben. In den hintersten Winkel des Vergessens, obwohl er ganz genau wusste, dass ihn dieser Moment in dem Nebenzimmer und wenn er noch so kurz gewesen war, nie wieder loslassen würde, oder zumindest nicht allzu schnell.
Er trat nach draußen und kniff augenblicklich von der grellen Sonne geblendet die Augen zusammen um sie dann mit einer Hand an der Stirn so gut es eben ging abzuschatten, sodass er seinen Blick über den asphaltierten Parkplatz des Krankenhauses wandern lassen konnte. Ganz offensichtlich war er darauf bedacht etwas zu finden, von dem er jedoch noch nicht wusste, was es denn genau sein sollte. Und ganz gegen seine Gewohnheiten wiederstand er dem Drang Ryan Atwood aufzusuchen um mit ihm diese Kuss-Sache in allen Einzelheiten zu analysieren und er schien wohl auch sein Versprechen den anderen Gegenüber vergessen zu haben, denn weder zückte er sein Handy noch tat er sonst irgendwas, was darauf schließen könnte, dass er Inspektor Sharidon die Neuigkeiten über Marissa berichten wollte. Stattdessen lenkte er seine Schritte plötzlich quer über den Parkplatz an den vereinzelt abgestellten Autos vorbei zu dem recht vollgefüllten Fahrradständern hin und ging Desinteresse heuchelnd an diesen Gefährten entlang, wobei er immer wieder einen raschen jedoch prüfenden Blick auf ausgewählte Räder warf. Schließlich schien er gefunden zu haben, wonach er schon die ganze Zeit gesucht hatte. Er blieb bei dem Ständer rechts außen ein paar Sekunden lang stehen, wandte sich noch einmal schnell um, vergewisserte sich, dass ihn keiner mit Misstrauen beobachtete und registrierte gleichzeitig, dass niemand aus seinem Bekanntenkreis das Krankenhaus auf der Suche nach ihm verlassen hatte. Dann schlenderte er scheinbar unbekümmert zu dem ausgewählten Gefährt hin, welches zugegeben nicht gerade das neuste Modell war, sondern eher eine alte, klapprige und auch etwas rostige Version eines solchen teuren Rennrades. Doch dank dessen Zustandes schien es auch der Besitzer nicht für nötig gehalten zu haben es abzuschließen oder sonst wie zu sichern und so konnte Seth ungehindert die Lenkstange packen, das Rad aus der Halterung heben, sich darauf schwingen und mit einem hässlich quietschenden Geräusch davon „rasen“ – es kam schließlich nicht oft vor, dass sich Cohen etwas „borgte“...
Eines hatte der Ironiker ganz klar von seinem Freund gelernt: man gewann Frauen für sich, wenn man sie beschützte, wenn man seine Fäuste benutzte, oder ganz kurz: wenn man Ryan Atwood war.
Doch dieser Junge auf dem alten Drahtesel war eben Seth Cohen und dennoch wollte er beweisen, dass auch ein bisschen Kid Chino in ihm steckte, dass er auch ein Held sein konnte,
ein Held für Summer.

Wie Seth plagte sich auch Anna mit dieser Kuss-Sache, nur etwas länger und eingehender und das wohl hauptsächlich deshalb, da sie nichts hatte, was sie ablenken könnte. Vor allem jetzt, da ihr natürlich sehr wohl bewusst war, dass Summer alles andere als unwissend war und dass somit viel mehr als „nur“ eine Freundschaft auf dem Spiel stand. Es war sogar viel mehr als das. Vertrauen, Verzeihen und auch Verletzung, tiefe Verletzung die man nicht von außen sehen konnte – dass waren die drei wichtigsten Dinge, um die es hier ging, dass war es, was sie, die weise Anna Stern, wieder gerade biegen musste, etwas, was unmöglich schien.
Diese Gedanken kamen ihr immer und immer wieder, während sie wie abwartend vor der weißgestrichenen Tür stand. Die eine Hand schon an der Klinke, versuchte sie ihre Beklommenheit so weit abzuschütteln, dass es ihr möglich war, das Krankenzimmer zu betreten. Schließlich gab sie sich einen Ruck und ging endlich ein paar zögernde Schritte in den Raum hinein und spürte zugleich, wie sie von den Blicken der anderen festgenagelt wurde.
Sie sah unsicher zu Summer hinüber, die mit vor der Brust verschränkten Armen neben ihrem Vater stand, ihr Blick schien glasig und leer, ihre Gedanken weit fort.
Konnte es sein, dass sie es alle wussten? Noch immer schien die gesamte Aufmerksamkeit in diesem Zimmer nur Stern zu gelten, deren Herz immer schneller zu schlagen begann. Sie spürte, wie sie ihren Körper zu verlassen schien und wie ein unbeteiligter Beobachter alles von oben besah, ganz so, als müsse sie sich erst einmal ein Bild von ihrer derzeitigen Situation machen.
Wie aus weiter Ferne erklang da die besorgter Stimme von Mrs. Cohen: „Wo ist Seth?“
Augenblicklich wurde Anna bewusst, dass nicht sie es war, auf die man gewartet hatte, sie schüttelte langsam den Kopf: „Ich...“
Summer sah plötzlich auf und starrte das andere Mädchen kalt und wütend an und brachte es somit zum schweigen.
„Ich denke“, meldete Ryan sich da zur allgemeinen Überraschung zu Wort und zog damit alle Blicke nur auf sich, sogar Miss Satansbraten schien für kurze Zeit bereit zu sein ihre Rache doch noch einmal auf später zu verschieben. „Ich weiß wo er ist“, verkündete Atwood,
denn er war der erste, der eins und eins zusammengezählt hatte.

Sandy hatte es sich neben seinem Freund so gut es eben ging in einem hölzernen, jedoch gut gepolsterten Liegestuhl bequem gemacht. Die dunkle Sonnenbrille bedeckte seinen nachdenklichen und sogleich besorgten Blick während die langsam untergehende Sonne beide Männer in ein verträumtes Licht tauchte.
„Das ist ein Leben, nicht wahr?“, Jimmy, ebenfalls mit Sonnenbrille ausgestattet ließ sich seufzend in die weiche Polsterung seines Stuhls sinken und legte die braungebrannten Arme auf die Lehnen.
Er sah glücklich aus, jetzt in dem Moment sah er tatsächlich glücklicher aus als je zuvor und doch bedrückte ihn etwas und Sandy glaubte zu wissen was genau das nun sein musste, denn es gab praktisch nur eine einzige Möglichkeit. Augenblicklich wollte Mr. Cohen ihn aufmuntern, wollte ihm sagen, dass er wusste wie ihm zumute war, wollte es herausschreien, einfach alles loswerden, alles was ihm fünfzehn lange Jahre eine schwere Last gewesen war. doch er blieb stumm und nickte nur zustimmend, ein falsches Lächeln umspielte seine Lippen und er schämte sich dafür.
„Hey.“
Die beiden Freunde wandten sich fast gleichzeitig nach dem Mädchen um, welches nun hinter sie getreten war und betrachteten sie von oben bis unten, ganz so, als hätten sie es noch nie zuvor gesehen, ihr kleines Wunder.
Kimberly, bemerkte wohl die Blicke, die sie auf sich zog und augenblicklich schoss eine leichte Röte in ihr hübsches Gesicht was es den Männern wiederum noch unmöglicher machte ihre Augen abzuwenden.
„Ich muss dann los“, sie versuchte ein verlegenes Lächeln, wobei sie plötzlich in den Bann von Sandy Cohen geriet. Sie tat nichts weiter als ihn bei diesen Worten direkt anzusehen und sie spürte, wie es sie durchzuckte, Wärme, Liebe und wahrscheinlich auch ein bisschen Angst.
„Ok“, Mr. Cohen sah seiner Frau nach, als diese ihre Schritte zu der Haustür des Cohen-Anwesens lenkte und wandte sich schließlich wieder seiner kräfteraubenden Beschäftigung zu: er sah fern.
Doch Kirsten blieb noch einmal, als hielte sie eine unsichtbare Macht zurück, stehen. Sie sah nicht zu ihrem Mann, der auf der Couch in dem geräumigen Wohnzimmer saß, sie betrachtete nur ihre Hand, die schon auf der Klinke lag und diese nach unten drückte.
„Ich möchte, dass du mit mir kommst“, ihre Stimme zitterte unter all der Kraft, die sie diese wenigen Worte kosteten. „Bitte“, ihre Kehle war wie zugeschnürt, ihre blauen Augen wurden feucht und sie war sich ziemlich sicher, dass sie augenblicklich zusammenbrechen würde und dann, wenn das geschehen war, würde sie nicht mehr so schnell aufstehen können.
Doch dann spürte sie auch schon, wie Sandy an sie herantrat, ihr den Arm um die Schultern legte und ihr duftendes, weiches Haar küsste, sanft und vertraut.
Noch nie zuvor hatte sie ihm erlaubt mitzukommen.


„Bitte sagen sie mir, dass das nur ein ziemlich blöder Scherz sein sollte“, Inspektor Sharidon fuhr sich seufzend mit der freien Hand durch das blonde Haar, während sie mit der anderen den Telefonhörer an ihr rechtes Ohr hielt. Ihr Blick verdüsterte sich mehr und mehr doch ihre Stimme blieb ruhig und unbekümmert, eine wahre Kunst, wenn man die derzeitige Situation bedachte. „Natürlich“, sie seufzte erneut, jedoch so leise, dass die Frau am anderen Ede der Leitung unmöglich etwas mitbekommen haben konnte. „Natürlich, bei manchen Dingen sollte man wirklich keine Witze reißen.“ Sie nahm nun einen Bleistift in die Linke und begann ihn gegen die Tischkante zu schlagen, während sie ihre Kollegen beobachtete, wie sie weniger komplizierte Fälle bearbeiteten, sie beneidete sie ungemein. „Ok“, sie hatte nun einen Entschluss gefasst und war sich ihrer Sache wieder ziemlich sicher. „Ich weiß wo das ist“, dann betrachtete sie erneut das stete Treiben um sie herum und ihr wurde bewusst, dass dies ihre Chance war, andere in ihr kleines Abenteuer mit einzubeziehen. Im Klartext: sie würde nicht mehr alleine in diesem großen Haufen Scheiße sitzen, der sich langsam ins unermessliche auftürmte. „Ich komme mit ein paar Kollegen so schnell wie möglich dahin. Hoffentlich noch vor unserem Ausreißer.“ Sie wollte schon das Gespräch für beendet erklären und hatte sich sogar schon von ihrem Platz erhoben, da fiel ihr noch im letzten Moment etwas sehr Wichtiges ein: „Unternehmen sie nichts. Ich möchte, dass sie sich nicht vom Fleck bewegen.“ Sie klang zwar recht freundlich jedoch bestimmt und legte schließlich doch noch auf.

Julie Cooper-Nichol schob ihr Handy zurück in ihre Handtasche und sah sich mit einem fast schon spöttischen Grinsen in dem Wagen der Wards um. Da saßen sie, alle zusammengepfercht in einem einzigen, nicht sonderlich großen Auto und Lukes Vater, der wohl genau wusste, wohin er zu fahren hatte, war ihr Chauffeur.
Das mit dem „bewegen sie sich nicht vom Fleck“ traf vielleicht nicht ganz auf sie zu, jedoch konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass sie eine bestimmte Zeit in ein und demselben Fortbewegungsmittel verbrachten.
Das musste doch auch gelten, oder?

Marissa saß auf ihrem harten Stuhl, ihrem Stammplatz in der kleinen, alten Hütte und grub die Nägel ihrer bereits wunden Finger in das dunkle Holz der Sitzfläche.
Jede Angst schien aus ihrem Blick zu weichen, es war weder Schmerz noch Verzweiflung, es war viel eher Entschlossenheit, die sie durchwallte und ihr die Kraft gab aufrecht zu bleiben während die blauen Augen auf ihren Peiniger gerichtet waren. Volchok saß auf der mottenzerfressen Matte in der gegenüberliegenden Ecke und setzte erneut eine neue Flasche kühlen Alkohols an die Lippen. Seine Bewegungen wurden immer unkontrollierter, ein paar mal rutschte er ab und kippte sich Tequila über sein dreckiges Shirt. Doch es schien ihn nicht weiter zu beschäftigen. Er sah auf, sein Blick war verschwommen aber er konnte trotz einiger Schwierigkeiten das Mädchen im dämmrigen Licht, welches hier rund um die Uhr herrschte ausmachen und spürte wohl auch deren Zorn auf sich ruhen.
„Weißt du“, er nahm einen weiteren Schluck, seine Zunge war schwer und geschwollen, seine Worte kamen etwas unkontrolliert über seine Lippen. „Weischt du – ich bin gar nicht scho.“ Er grinste frech, schloss die Augen und lehnte sich gegen die mit Spinnweben verhangene Wand. „Ich bin eigentlich -“
Doch Marissa hörte ihm gar nicht mehr zu. Kaum da ihr klar geworden war, dass die Aufmerksamkeit des anderen nachgelassen hatte, dass sie für ein paar Sekunden so gut wie unbeobachtete war, sprang sie auch schon auf die wackeligen Beine, hastete zu der hölzernen Tür und stieß diese mit all der Kraft, die sie noch aufbringen konnte auf, um schließlich nach draußen zu stolpern und sofort loszusprinten, kaum da sie den warmen Sand unter ihren nackten Füßen spürte.
„Scheiße!“, Volchok schrie laut auf, als er seinen Fehler bemerkte und erhob sich mühsam und packte seine Pistole. Die Tatsache, dass sein Mädchen im Begriff war zu fliehen schien ihn wieder halbwegs nüchtern gestimmt zu haben.
Doch Coop rannte.
Ihr Herz schlug wie wild, ihr Mund war trocken und der Boden unter ihren Füßen schien zu glühen.
Doch sie rannte.
Der stechende Schmerz an ihrer Seite, das Dröhnen in ihrem Kopf, die Schwäche, die sie zu erdrücken drohte, all das schien unerträglich.
Doch Marissa Cooper rannte, denn sie war sich bewusst, dass ihre Zeit nur begrenzt, dass Unendlichkeit kein Zustand sondern nur ein Wort war, dass es um ihr Leben ging.

Eine Weile schon hatte keiner von beiden auch nur ein Wort gesprochen. Die Männer saßen in einem stillen Einverständnis nebeneinander in ihren gepolsterten Liegestühlen, genossen mehr oder weniger die bereits untergehende Sonne und hingen ihren eigenen Gedanken nach eingehüllt in die Stille, die sie umgab. Es schien sogar fast so, als wäre das einzige Geräusch, welches hin und wieder zu hören war, das stete Plätschern des Meeres , das in kleinen Wellen gegen das Boot schlug.
Diese unglaubliche Stille war erdrückend. Sandy saß hinter dem Steuer, die Augen starr gerade aus gerichtet, die Hände um das Lenkrad fest geschlossen. Er riskierte keinen einzigen Blick zu Kirsten am Beifahrersitz, denn die Tatsache, dass dieses kleine Wesen, dieses Wunder in ihr heranwuchs, immer größer wurde und an Kraft gewann, das alles tat weh und es würde nur noch mehr schmerzen, würde er das Leid seiner Frau auch noch auf sich laden. Er konnte alles mit ihr teilen, doch manches musste er nur für sich allein haben, es war egal ob er wollte oder nicht, ob er dafür bereit war oder ob es seinen Untergang bedeutete.
„Denkst du, Seth geht es gut?“
Es war typisch für Kirsten auch noch wenn sie längst am Boden lag sich um das zu sorgen, was ihr am meisten bedeutete: ihr Sohn.
Sandy lächelte aufmunternd, wandte jedoch weiterhin den Blick nicht von der Straße vor ihm ab: „Julie wird uns schon sagen, wenn es Probleme gibt.“

In dem Moment brach Jimmy plötzlich in Tränen aus. Es kam so überraschend, dass Mr. Cohen anfangs noch dachte, es würde gar nicht passieren, ganz so, als würde sein Freund nicht die eine Hand gegen den Mund pressen um die leisen Schluchzer zu unterdrücken, die tief aus seinem geschundenen Herzen zu kommen schienen.
Zu gerne hätte Sandy es ihm gleich getan, doch er weinte nicht.
„Entschuldige“, eine Welle von überwältigender Traurigkeit durchflutete
Mr. Cooper und ließ seinen Körper erzittern und er entschuldigte sich, obwohl es doch keinen Grund für eine solche Äußerung gab.
Es war Marissa, das wusste Sandy, denn immer nur ging es um die Kinder – um das Liebste, was einem noch bleibt wenn die Dunkelheit einen einschließt und nicht mehr loslässt.

Kimberly sah sich noch einmal um, als würde sie fürchten, beobachtet zu werden. Dann rannte sie los, den warmen, weichen Sand unter den nackten Füßen, das dunkle Haar wehte wie eine seidige Fahne hinter ihr her, das kühlende Meer schwappte bis über ihre Knöchel, als sie ganz nah an der Grenze von Wasser und Land entlang lief. Sie hielt erst inne, als ihr das Atmen schwer fiel und das Stechen an ihrer Seite unerträglich wurde.
„Was soll das heißen?“, Kimmy sah ihre Eltern verwirrt an und rieb gleichzeitig die Fingerspitzen unter dem hölzernen Küchentisch aneinander, wie immer, wenn sie spürte, dass es soweit war, dass sie bald nicht mehr konnte und zusammenbrechen würde.
Die Stimme des Mädchens zitterte zwar, jedoch längst nicht so wie die ihrer Mutter, die ihr gegenübersaß und ihrem Blick hartnäckig auswich, Tränen glänzten in ihren Augen: „Es tut mir so leid.“

Kimberly fuhr sich mit einer Hand durch das vom Schweiß nassgewordene Haar und holte einmal tief Luft. Irgendwo lachte ein Kind, ein Hund bellte.
„Wieso – wieso musstet ihr mir das sagen“, sie sah richtete nun ihre gesamte Aufmerksamkeit auf ihren Vater, der in einer Ecke Stand und kaum an dem Gespräch teilzunehmen schien, die Uhr tickte lauter und eindringlicher als je zuvor, irgendjemand hatte das Wasser nicht mehr richtig abgedreht, den es tropfte regelmäßig in das Spülbecken. „Warum?“
„Wir wollten dich nicht länger belügen“, Mr. Brown schüttelte verzweifelt den Kopf. „Wir konnten das nicht länger. Versteh doch.“ Er sah ihr nun direkt in die braunen, fragenden Augen. „Du bist doch weiterhin unsere Tochter. Es hat sich nichts geändert, Kim.“
Kimberly wollte ihm glauben. Tatsächlich wollte sie nichts mehr als alles so hinzunehmen, wie es nun mal war, doch es war nicht einfach, es würde nie wieder einfach sein.

Kim ließ sich gegen einen dunklen Felsen in den Sand sinken, die eine Hand zu ihrer Rechten im nassen Schlamm.
„Wo ist meine Mum?“, es war eine Frage, die niemanden mehr überraschte, als sie selbst. „Wo ist sie?“
„Ich bin hier mein Schatz“, flüsterte Sarah und wollte über die Tischplatte nach den nun darauf gefalteten Händen ihrer Tochter greifen, wollte sie festhalten, wie damals, als sie noch ganz klein gewesen war und all ihren Schutz benötigt hatte, doch sie entzog sich ihr.
„Nein“, Kim sprang auf. „Das ist nicht wahr.“

Das Mädchen grub die Füße tiefer in den Sand, lehnte sich gegen den harten Fels. Eine einzelne Träne bahnte sich ihren weg über ihre rechte Wange und tropfte hinunter auf ihre Hand. Das kühle Wasser des Meeres wusch darüber, als wäre es nie passiert.

In dem Moment, da er den winzigen Punkt erkannte, wie er immer schneller auf ihn zukam, da wusste er, dass es sie war.
Er warf das Rad beiseite, kletterte über das etwas rostige Eisengitter und sprintete los, obwohl Sport ja nie seine Stärke gewesen war. Mit jedem Schritt kam er ihr näher, mit jedem Atemzug war er sich noch ein wenig sicherer.
„Marissa!“, rief Seth, kaum war er auf Hörweite an das Mädchen herangekommen. Freude überschlug sich beinahe in ihm, reines Glück durchströmte ihn. „Marissa!“ Er verringerte seine Geschwindigkeit automatisch, als er die Verlorengeglaubte schließlich erreichte und verfiel auch schon in einen gemütlichen Trott. „Nette Frisur“, meinte er grinsend und bedachte Coops Stoppelhaar mit einem „anerkennenden“ Blick.
„Seth – Volchok“, brachte Marissa keuchend hervor, die Gabe Cohens Bemerkungen einfach zu übergehen hatte sie während der langen Zeit in Gefangenschaft offenbar nicht verloren. „Wir sollten – weg. Wo – ist Ryan?“
„Wir brauchen doch nicht -“, doch in dem Moment entdeckte er den wütenden Jungen, der in einem viel zu schnellen Tempo auf sie zukam, die Waffe in seiner Hand blitzte auf, als die Strahlen der Sonne auf sie trafen. „Wir brauchen Ryan“, überlegte Seth es sich auch sofort wieder anders und packte das Mädchen am Arm.
Eile war nun durchaus erforderlich.

Selbst wenn noch soviel Leid, soviel Schmerz sich in einem vereinte, war es unmöglich für ewig zu weinen, obwohl man es in einer solchen Situation durchaus immer wieder in betracht zog. So versiegten auch Jimmys Tränen, fast so abrupt, wie sie gekommen waren ganz ohne dass Sandy in getröstet hätte, denn Mr. Cohen saß am vorderen Rand seines Liegestuhls und verdrängte Gedanken an schon längst Vergangenes. Er starrte zwar seinen Freund unverwandt aus aufmerksamen, blauen Augen an, brachte jedoch kein einziges Wort hervor. Zu sehr war er damit beschäftigt, seine eigenen Tränen zurückzuhalten, die Trauer, die sich als fester Kloß in seiner Kehle gebildet hatte schmerzte und er wagte es nicht den Mund zu öffnen, aus Angst, er würde plötzlich die Kontrolle über sich verlieren. Also wartete er nur ab und sah schließlich, als es vorbei war auf seine wie zum Gebet gefalteten Hände.
Einen Moment herrschte Stille, die von Scham durchzogen war und durch die der leichte, warme Wind seufzte, wie ein Nachklang von Jimmys Schmerz.
„Sie war meine Tochter“, brachte Mr. Cooper schließlich leise hervor und lehnte sich zurück in die Polsterung aus der er sich zuvor noch aufgerichtet hatte. „Sie ist es immer noch.“
Und Sandy verstand nu zu gut, was er ihm damit sagen wollte, wieso er anschließend in der Gegenwart sprach, wieso dieses „ist“ so wichtig war.
„Als ich hier ankam, wollte ich mich am liebsten von der nächsten Klippe stürzen“, Jimmy wandte den Kopf langsam zur Seite, bis er den Blick seines Freundes auffangen konnte. „Ich wollte, dass es vorbei ist.“
Was hat dich aufgehalten? Diese Frage stand nun unausgesprochen zwischen ihnen, Sandy wagte es jedoch nicht sie tatsächlich zu stellen.
„Dann fand ich Kimmy“, ein Lächeln erhellte Mr. Coopers noch zuvor von Schmerz gezeichnetes Gesicht. „Sie saß da, ganz allein an einen Felsen gelehnt. Sie weinte und ich wusste, jemand musste ihr helfen.“ Er setzte sich ein wenig auf, den Blick dabei nicht von seinem Freund abwendend. „Ich musste ihr helfen. Und ich wusste, sie würde dasselbe für mich tun.“ Er schüttelte wie ungläubig den Kopf: „Hast du das schon mal erlebt? Du begegnest einem Menschen und weißt, dass ihr wie füreinander geschaffen seid. Ihr seid einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort und ihr wisst ganz genau, dass ihr einander viel zu sehr braucht, als dass ihr euch wieder trennen köntet.“
Augenblicklich musste Sandy an Kirsten denken und noch nie zuvor hatte er sich so sehr nach ihrer Anwesenheit gesehnt, einfach nur, um das hier zusammen mit ihr durchzustehen.
„Ich möchte sie adoptieren“, kam da die plötzliche und doch einzig mögliche Äußerung Jimmys. „Sie ist – sie ist“, Mr. Cooper hob in aufkeimender Verzweiflung die Hände. „Sie ist Marissa.“
Sandy saß schon eine ganze Weile neben seiner Frau, hielt ihre zierliche Hand in der seinen und starrte gebannt auf den Bildschirm, der ihm die Ultraschallaufnahmen dieses kleinen Wunders zeigte. Kirsten lag da, die Augen vor dem allen verschlossen, zu oft hatte sie es schon gesehen, zu genau wusste sie, wie sehr es schmerzen würde.
„Es geht ihr ausgezeichnet“, meinte der behandelnde Arzt mit einem freundlichen Lächeln, während er seine Arbeit beendete und das Gerät, mit dem er Mrs. Cohens Bauch abgetastet hatte beiseite legte. „Ist das ihr erstes Kind?“
Es war sicherlich eine Frage, die hier jedem Paar gestellt wurde, einfach nur so, aus Routine. Doch nichts traf Sandy mehr als diese Worte.
„Nein“, kam die schlichte Antwort, wobei er Kirstens traurigen Blick auffing und ihre Hand noch ein wenig fester drückte.
Der Arzt nickte wissend,
doch eigentlich wusste er es nicht.
Es war dieses „ihr“, dieses schlichte Wörtchen, welches dieses Kind zu einem Teil ihres Lebens machte und was die Cohens eigentlich für immer vermeiden wollten.

Es waren wahrscheinlich nur fünf Minuten mit dem Auto zum Strand, aber es waren mit Abstand die längsten fünf Minuten die Summer Roberts jemals durchgestanden hatte. Sie hatte schon die Hand an der Schnalle der Wagentüre, bevor Mr. Ward sein Gefährt zum Stillstand hatte bringen können und sprang auf die asphaltierte Straße. In ihrem Kopf hämmerten immer und immer wieder die selben Worte schmerzhaft gegen ihre Schläfen: Cohen – Gefahr.
Das war es, was Summer in den Jahren ihres Zusammenseins gelernt hatte und nie wieder vergessen würde: wo Seth war, da zog er meistens auch eine ordentliche Fuhr Ärger, Lügen oder ähnliches mit sich herum.
Das Mädchen hörte wie aus weiter Ferne wie die anderen hinter ihr hergelaufen kamen und Sirenengeheul das Nahen von Sharidon und ihren Kollegen ankündigte. Als sie den strahlendweißen Sand schließlich erreicht hatte, bückte sie sich noch im Lauf und zog sich halb hüpfend halb stolpernd die Designerschuhe von den Füßen und ließ diese achtlos auf dem Bürgersteig zurück, ehe sie ihren Weg in neuerlich schnellem Tempo wiederaufnahm.
„Stehen bleiben!“, schrie Inspektor Sharidon über den halben Parkplatz, der unmittelbar vor dem Strand lag, zu ihr hinüber. „Bleiben sie stehen!“
Neil, der sich seiner väterlichen Verpflichtungen wohl bewusst war, sprintete seiner Tochter hinterher und beschleunigte sein ohnehin schon beachtliches Tempo noch um gerade soviel, dass er Summer einholen und sanft aber bestimmt mit den Armen um ihre Taille zurückhalten konnte. Das Mädchen wehrte sich, stemmt sich mit all ihrer Kraft gegen Dr. Roberts und gab schließlich diesen ausweglosen Kampf auf, indem sie sich schlaf und niedergeschlagen herumdrehte und das von Tränen durchnässte Gesicht an seine Brust bettete.
Neil strich ihr durch das weiche, dunkle Haar, küsste liebevoll ihren Scheitel, so wie er es auch früher getan hatte, als sie sich als Fünfjährige das Knie nach einem Sturz auf hartem Boden blutig geschlagen hatte und drückte Summer mit all dem Trost, den er nun aufbringen konnte an sich.
In dem Moment sah er sie.
Auch die anderen, die inzwischen ebenfalls stehen geblieben waren und nun auf ein Wunder hofften, starrten gebannt auf die zwei Gestalten, die stetig näher zu kommen schienen.

Worum geht es?
"The OC alternative" schließt gleich nach der letzten Folge der 3. Staffel von "The OC" ('O.C., California') an. Dies ist eine Alternative zu der 4. Staffel. Es kann alles passieren.

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